28.08.2022, Sonntag, 11:00 Uhr bis 30.10.2022, Sonntag, 17:00 Uhr
Sonderausstellung

Wenige Schriftsteller hat Goethe neben sich bestehen lassen, der sieben Jahre jüngere Karl Philipp Moritz aber wurde von ihm nie in seiner Bedeutung angetastet. Man hat den genialischen Autor als "Schreckensmann" (Arno Schmidt) und als sympathischsten Klassiker der deutschen Literaturgeschichte bezeichnet. Goethe selbst fand: "Er ist wie ein jüngerer Bruder von mir, von derselben Art, nur da vom Schicksal verwahrlost und beschädigt, wo ich vorgezogen und begünstigt bin".

Diesem ähnlichen und doch anderen Goethe widmet sich die Sonderausstellung. Der aus ärmlichem Elternhaus stammende Moritz zählt zu den wichtigsten deutschen Autoren im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts; er hat trotz seines kurzen Lebens – er wurde nur 36 Jahre alt – eine Vielzahl unterschiedlichster Werke aus vielen Fachbereichen hinterlassen: wollte Schauspieler werden, wurde aber Lehrer, Journalist, Literat, Psychologe, schließlich Akademieprofessor. Auf den ersten Blick steht er für Chaos, wo Goethe Ordnung wollte; während Goethe eine penible Registratur führte, bewahrte Moritz seine Manuskripte in einer Tonne auf. Wo Goethe auf die Tätigkeit setzte, schien Moritz sich stets auf sich selbst 'zurückzubeugen'. Auf den zweiten Blick aber wird die Bedeutung des Jüngeren als die eines Mitbegründers der klassischen Ästhetik deutlich. Der aus Hameln gebürtige Moritz verehrte den Meister aus Weimar, tat ihm dessen Italienreise nach, gewann in Rom seine Freundschaft und veröffentlichte 30 Jahre vor Goethe eine große Beschreibung seiner Reise durch Italien. Moritz' Kunstanschauung beeinflusste auch Goethe; als dieser sein Humanitätsdrama Iphigenie in Verse umschrieb, diente ihm Moritz als Leitstern. Moritz veröffentlichte den einzigartigen "psychologischen Roman" Anton Reiser und nahm damit Karl Ove Knausgård um 200 Jahre voraus; Goethe verzichtete auf die quälende autobiographische Selbstentblößung und publizierte den Bildungsroman von Wilhelm Meister.

Die Ausstellung konfrontiert Goethe und Moritz und zeigt ihre uneinige Ähnlichkeit anhand vieler Originalhandschriften, Drucke und Porträts der beiden Autoren.


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